Vorsicht: Natur!

Auch pflanzliche Heilmittel können schwere Nebenwirkungen haben. Die kürzliche Diskussion um das Bronchitis-Mittel Umckaloabo machte es deutlich. Vitafil sprach mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) über die sogenannten Phytopharmaka und hat eine Liste mit sechs der am häufigsten verwendeten Heilkräuter zusammengestellt.

Verdauungsprobleme, kleine Wunden oder eine Erkältung – wer nicht sofort eine Arztpraxis aufsuchen will, bedient sich gern erst einmal aus dem umfangreichen Heilmittel-Repertoire von Mutter Natur. Selbstmedikation ohne ärztlichen Rat und aus eigener Tasche ist oft der erste Weg um diverse Gesundheitsbeschwerden zu bekämpfen. Doch Vorsicht ist auch bei der Anwendung von rein pflanzlichen Arzneimittel – sogenannter Phytopharmaka – geboten.

Auch natürliche Medikamente können unerwünschte Nebenwirkungen verursachen. Sich über Wechselwirkungen und die genaue Dosis zu informieren, ist bei Phytopharmaka genauso wichtig, wie bei synthetischen Medikamenten. Auch die natürlichen Wirkstoffe können mit anderen Präparaten reagieren oder allergische Reaktionen und Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Diese Tatsache wird allerdings selten bei der Werbung für Naturheilmittel im Fernsehen oder in Apotheken erwähnt. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass Phytopharmaka ausschließlich gesund sind. Nach dem Motto: “Viel hilft viel”, nehmen Patienten dann auch manchmal mehr als die angegebene Dosis. Und genau das kann gefährlich sein. “Es gibt keine Wirkung ohne Nebenwirkung”, betont Maik Pommer, Pressesprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm)** in Bonn gegenüber vitafil. Das BfArm sammelt unter anderem Spontanmeldungen von Patienten hinsichtlich unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UWA). Auf deren Grundlage werden Arzneimittelrisiken erfasst und bewertet. Spontanmeldungen zählen zu den wichtigsten Informationsquellen in Bezug auf die Sicherheit von Medikamenten. So kam es auch zu den vermehrten Medienberichten über die möglichen Leberschäden des Bronchitis-Mittels Umckaloabo in der vergangenen Woche.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2010 greifen allein  bei Erkältungsbeschwerden oder einer leichten Grippe 78 Prozent der Deutschen auf Naturheilmittel zurück. Neben den eher harmloseren Reaktionen wie Übelkeit, Juckreiz, Hautrötungen oder Quaddelbildung, können Naturheilmittel auch schwerere Nebenwirkungen hervorrufen. “Die Reaktionen bei einer falschen Dosierung werden bei uns nicht erfasst. Es handelt sich immer um reine Nebenwirkungen – also Reaktionen, die bei der angegebenen Dosis auftreten können”, so Pommer. Und dabei muss es sich ausschließlich um ein registriertes Arzneimittel handeln. Nach BfArm-Aussagen fallen darunter nur Präparate, die mit der Bezeichnung  “Hilft gegen …” oder “Zur Behandlung bei …” oder ähnlichen Charakterisierungen versehen sind. Ist dies nicht der Fall und steht beispielsweise nur “Pfefferminz-Tee” darauf, so handelt es sich dabei nicht um ein pflanzliches Arzneimittel und wird demnach auch nicht medizinisch überwacht. Fest legt die Definition des pflanzlichen Arzneimittels die sogenannte “EU-Richtlinie THMPD” (Traditional Herbal Medical Product Directive*), die die Naturheil-Branche im vergangenen Jahr erneut in Aufruhr versetze.

Das Problem bei den meisten der verwendeten Heilpflanzen ist, dass es bislang kaum ausreichende wissenschaftliche Untersuchungen oder Langzeitstudien bezüglich der Anwendung gibt. Deshalb sind auch Risiken für Kinder, Schwangere und stillende Mütter schwer abzuschätzen. Den bekannten Werbespruch “Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker” nehmen, nach Ansicht des BfArm, zu wenige Menschen als tatsächliches Beratungsangebot wahr. Ob Natur oder chemisch-pharmazeutisch – “ein verantwortungsvoller Umgang ist bei jedem Arzneimittel wichtig”, so der BfArm-Pressesprecher. Und auch Professor Hademar Bankhofer, einer der führenden Medizin-Publizisten, teilt diese Meinung: “Man sollte auch für Therapien mit Heilpflanzen immer eine erfahrenen Arzt zu Rate ziehen und nicht auf eigene Faust herumdoktern.”

Aber auch so manche Lebensmittel bergen in konzentrierter oder überdosierter Form gesundheitliche Risiken. So kann das Estragol in Basilikum, Anis oder Fenchel beispielsweise DNA-Schäden und Krebs auslösen. Dieselbe Wirkung hat Safrol in Muskat und Zimt oder Isoflavone in Sojabohnen. Als Nervengift agieren kann unter anderem das Solanin in Kartoffeln und anderen Nachtschattengewächsen. Und Cumarin in Cassia-Zimt ist in hohen Dosen Gift für die Leber, teilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)*** auf Nachfrage von vitafil mit. “Kommen diese pflanzlichen Inhaltsstoffe in einer abwechslungsreichen Ernährung vor, bergen sie jedoch in der Regel kein Risiko. Problematisch kann aber insbesondere die Aufnahme in konzentrierter Form über Nahrungsergänzungsmittel sein”, sagt Miriam Ewald von der BfR-Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Und genau dieser Überzeugung war schon der bekannte Arzt und Alchemist Paracelsus vor etwa 500 Jahren. Er prägte den Satz: “Alle Ding’ sind Gift und nichts ohn’ Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding’ kein Gift ist.”, was so viel bedeutet wie: Die Dosis macht das Gift.

vitafil hat sechs häufig verwendete Heilpflanzen sowie ihre möglichen Nebenwirkungen und Gegenanzeigen bei Überdosierung oder falscher Anwendung genauer unter die Lupe genommen.

Ginseng (Panax ginseng) 
Die Ginseng-Wurzel ist die bekannteste und älteste Arzneipflanze in der chinesischen Medizin. Sie stärkt die körpereigene Abwehr gegen Stress und Krankheiten, hebt die Stimmung, verbesserte Durchblutung des Gehirns durch Ader-Erweiterung und kommt auch als Mittel zur Potenzsteigerung zum Einsatz. Ginseng-Anwender sollten allerdings die Finger von Kaffee lassen oder diesen nur in Maßen genießen, da er ebenso stärkend wirkt. In seltenen Fällen kann es zu Magen-Darm-Beschwerden oder Schlafstörungen kommen. Auch Bluthochdruck und vaginale Blutungen sind während der Einnahme möglich.

Johanniskraut (Hypericum perforatum)  
Das Johanniskraut wird seit langer Zeit in der Volksmedizin bei depressiven Stimmungen eingesetzt. Es erhöht die Empfindlichkeit der haut gegenüber Sonnenlicht (Photosensibilisierung). So kann es vor allem bei hellhäutigen Menschen zu sonnenbrandähnlichen Hautreaktionen kommen. Bei der gleichzeitigen Einnahme von Arzneimitteln gegen Depressionen kann die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn auf lebensbedrohliche Konzentrationen erhöht werden. Johanniskraut schwächt außerdem unter anderem die Wirkung von verschiedenen Arzneimitteln zur Behandlung von Krebs, HIV, AIDS oder zur Hemmung der Blutgerinnung. Aber auch Schlaf- und Herzmittel und hormonelle Verhütungsmittel können durch die Heilpflanze beeinflusst werden.

Meerträubel (Ephedra) 
In zahlrechen Erkältungsmedikamenten ist auch Meerträubel, besser bekannt unter dem Wirkstoff Ephedrin, enthalten. Es unterdrückt den Hustenreiz, hilft bei starkem Schnupfen Atemwegserkrankungen und bei Asthma-Anfällen. Da es aber gleichzeitig den Appetit zügelt, wird es gern als Abmagerungsmittel oder auch wegen seiner Fähigkeit Erschöpfung und Schmerzen zu unterdrücken als Doping-Mittel in der Bodybuilder-Szene angewendet. Mögliche Nebenwirkungen von Meerträubel sind ein erhöhter Blutdruck, Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Schlafstörungen oder Beklemmungsgefühle. Bei einer Überdosierung können sogar Schlaganfälle, Herzinfakte oder Halluzinationen die Folge sein.

Pfefferminze  (Mentha x piperita) 
Ob in Tees, Inhalationsmitteln oder als Öl: Pfefferminze wird bei vielen Beschwerden eingesetzt und wirkt antibakteriell, galle- und blähungstreibend, beruhigend sowie krampflösend. Wird Pfefferminzöl aber überdosiert, so können Vergiftungserscheinungen auftreten, die zu Benommenheit, rauschähnlichen Zuständen, Koordinationsproblemen oder Kältegefühl führen. Wer Gallensteine hat, sollte Pfefferminzöl nur nach Rücksprache mit seinem Arzt anwenden.

Rosskastanie (Aesculus)
Aufgrund ihrer schwellungshemmenden und venenstärkenden Wirkung  wird die Rosskastanie besonders gern bei müden Beinen, Wadenkrämpfen der Bekämpfung von Krampfadern in den Beinen eingesetzt. Bei einer hohen Dosierung kann es allerdings zu Durchfall, Erbrechen und Vergiftungserscheinungen kommen. Und auch die Schädigung von Nieren und Leber wurde nach einer Injektion in die Blutbahn – wenn auch sehr selten – beobachtet.

Sonnenhut (Echinacea) 
Pflanzliche Arzneimittel aus dem Sonnenhut werden meist bei schlecht heilenden Wunden, bei grippalen Infekten und in der Volksmedizin auch zur unterstützenden Behandlung gegen Krebs eingesetzt. Bei oraler Einnahme kann der Sonnenhut  Bauchschmerzen, Wasseransammlung im Gewebe, Atemnot, Übelkeit, Juckreiz und Ausschlag verursachen.

Text und Foto: Franziska Kremtz

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* THMPD ist eine EU-Richtlinie zur Verwendung traditioneller und pflanzlicher medizinischer Produkte (Richtlinie 2004/24/EG). Sie dient der Vereinheitlichung des Zulassungsverfahrens für traditionelle Kräuterzubereitungen, die medizinisch eingesetzt werden.

** Das BfArm ist eine selbstständige Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit.

*** Das BfR ist die wissenschaftliche Einrichtung der Bundesrepublik Deutschland, die Gutachten und Stellungnahmen zu Fragen der Lebens- und Futtermittelsicherheit sowie zur Sicherheit von Chemikalien und Produkten erarbeitet.


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