Prof. v. Lilienfeld-Toal: Diäten heilen Diabetes nicht

 Die Behandlung von Diabetes-Typ-2 (Altersdiabetes) steht immer wieder im Zentrum wissenschaftlicher Untersuchungen. So auch in einer neuen Studie des “Imperial College London”. Wie das Magazin “Focus” in der aktuellen Ausgabe berichtet, scheint der Altersdiabetes oft allein durch eine Gewichtsreduktion mittels achtwöchiger Radikal-Diät heilbar zu sein. Voraussetzung ist, dass der Patient maximal vier Jahre zuckerkrank war. Die Energiezufuhr soll während der achtwöchigen Radikal-Diät auf nur 600 Kalorien pro Tag beschränkt werden. Wie die Ergebnisse dieser neuen Studie einzuschätzen sind, wollte Vitafil von Prof. Dr. med. Hermann von Lilienfeld-Toal, wissen. Er ist Diabetologe/Endokrinologe und stellvertretender  Bundesvorsitzender des Deutschen Diabetiker Bundes.

Was halten Sie vom Ergebnis dieser Studie?
Prof. v. Lilienfeld-Toal: Die Fakten, dass übergewichtige Diabetiker durch eine radikale Diät so behandelt werden können, dass Diabetes sogar völlig verschwindet oder deutlich besser wird, sind sicher richtig. Bei Gewichtszunahme kommt Diabetes aber wieder. Das Körpergewicht trägt dazu bei,  ob eine Diabetes-Veranlagung zu solch schlechten Blutzuckerwerten führt, dass die Definition des Diabetes erfüllt wird. Das kann man daraus folgern. Die Aussage “Diabetes wird geheilt” ist in diesem Zusammenhang also irreführend. Die Veranlagung ist da und es gelingt nur das Sichtbarwerden des Diabetes durch ein normales Gewicht abzuschwächen. Nimmt der Patient also wieder zu, tritt auch der Diabetes, entsprechend der Körpergewichtszunahme, erneut auf.

Was hat die Wirkung der Diät mit der Dauer der Diabetes-Erkrankung zu tun? Wenn ein Betroffener schon mehr als vier Jahre zuckerkrank ist, nützt eine Diät dann etwa nichts?
Prof. v. Lilienfeld-Toal: Es scheint so zu sein, dass wenn ein Diabetes länger existiert, es den Insulin produzierenden Beta-Zellen immer schlechter geht – das ist Teil der Krankheit. Erwartungsgemäß wirken sich Gewichtsreduktionen insbesondere in den ersten Jahren der Krankheit so aus, dass vielleicht die Blutzuckerwerte ganz normal werden und “der Diabetes geheilt” scheint. Je länger ein Diabetes existiert, umso unwahrscheinlicher wird ein völliges Verschwinden von diabetischen Blutzuckerwerten.

Würden Sie zu solch einer Radikal-Diät raten, um den Typ-2-Diabetes zu  bekämpfen? Ist das nicht ungesund und stressig für den Körper?
Prof. v. Lilienfeld-Toal: Ich würde davon abraten. Es gibt seit Jahren viele Erfahrungen damit auf diesem Weg das Körpergewicht zu reduzieren – unabhängig vom Diabetes.

Was ist ausschlaggebend für die Erkrankung an Typ-2-Diabetes und was kann man dagegen tun?
Prof. v. Lilienfeld-Toal: Es handelt sich dabei um eine genetische Veranlagung, die vielleicht 30 Prozent oder mehr unserer Bevölkerung hat. Man kann nur insofern etwas dagegen tun, dass alles was eine Entwicklung beschleunigt, vermieden wird. Dazu gehören in erster Linie Übergewicht, Bewegungsmangel und das Rauchen von Zigaretten. Die Konsequenz ist klar: Morgens eine halbe Stunde laufen, wenig Nahrung mit hoher Kalorien-Dichte essen und nicht rauchen.

Wie schätzen Sie die Lage bezüglich der Therapiemöglichkeiten für  Typ-2-Diabetiker generell ein?
Prof. v. Lilienfeld-Toal: Es gibt sehr gute Therapie-Konzepte, um Menschen, die nun einmal Diabetes-Typ -2 entwickelt haben, unabhängig von Gewicht und Bewegungsmangel, zu behandeln. Es wird viel zu wenig in der Öffentlichkeit diskutiert, dass durch die Maßnahmen unserer öffentlichen Bürokratie – in diesem Fall der Gemeinsame Bundesausschuss*, der für solche Entscheidungen zuständig ist – systematisch diese medizinisch notwendigen Konzepte teilweise nicht mehr angewendet werden können: Blutzuckerselbstkontrolle wird nicht mehr bezahlt, Medikamente gestrichen und ähnliches. Hierdurch wird die Behandlung von Typ-2-Diabetikern nicht nach dem augenblicklichen medizinischen Standard durchgeführt. Da die Tendenz, Betreuungsmaßnahmen für Typ-2-Diabetiker abzubauen beim Gemeinsamen Bundesausschuss weiterhin besteht, muss man – insbesondere wenn man Diabetiker ist – sorgenvoll in die Zukunft sehen. Das will die Öffentlichkeit aber nicht hören.

Interview: Franziska Kremtz

 

* Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland.


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