Säuglingstod: Schuld war defekte Infusionsflasche

Drei Babys sind tot. Ihre verschmutzten Infusionen steckten voller Bakterien. Infusionen im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Mainzer Universitätsklinikum. Auf der Intensivstation hatten die Frühchen mit Darmkeimen verseuchte Nährlösungen erhalten. Jetzt ist klar: Quelle der Verunreinigung war eine Glasflasche, die bereits vor Anlieferung ins Krankenhaus beschädigt worden war. Damit sind die Klinikmitarbeiter entlastet. Trotzdem: Die Vorfälle haben die Diskussion um Krankenhaus-Hygiene neu entfacht.

Die verunreinigte Flüssignahrung haben insgesamt elf  kleine Patienten erhalten. Zum Opfer fielen Kinder im Alter von zwei und acht Monaten sowie ein Frühgeborenes, das bereits nach 24 Schwangerschaftswochen zur Welt gekommen war. Zwei verschiedene Fäkalbakterien konnten als Todesursache identifiziert werden: Enterobacter cloacae und Escherichia Hermannii. Bakterien, die für einen gesunden Organismus keine erhebliche Gefahr darstellen sollen – jedoch tödlich sein können für geschwächte Frühchen, deren Immunsystem noch nicht ausgebildet ist.

Brachten die Infusionen tatsächlich den Tod? Die Ergebnisse der Obduktionen nämlich lassen keine exakten Rückschlüsse zu. Grund: Jene Bakterien, die im Blutkreislauf der toten Kinder gefunden wurden, können auch in einem Fäulnisprozess gebildet werden, müssen demnach also nicht aus der Infusionslösung stammen - soweit der Leitende Oberstaatsanwalt in Mainz, Klaus-Peter Mieth. “mit den endgültigen Ergebnissen rechnen wir in einigen Wochen.”

Klinikchef  Professor Norbert Pfeiffer bedauert die “schlimme Angelegenheit, wie ich sie selbst noch nie erlebt habe”. Seine ernüchternde Bilanz: “Kein System ist sicher.” Damit blickt er auf die neu entfachte Diskussion rund um Krankenhaus-Hygiene. Auch wenn die Klinikmitarbeiter im Fall der drei toten Säuglinge entlastet sind, spricht die Statistik eine klare Sprache: Jährlich infizieren sich bis zu 800.000 Patienten in deutschen Kliniken. Bis zu 40.000 sterben. Das gravierende Problem: Krankenhauskeime durch mangelnde Hygiene. In nur fünf der 16 Bundesländer gilt eine Hygieneverordnung für Kliniken. Im Herbst wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern auf einem Sondertreffen beraten.

Tatsache ist: Eine deutschlandweit einheitliche Hygieneverordnung für Krankenhäuser gibt es bislang nicht. Nur fünf Bundesländer sichern einheitliche Standards zu: Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Sachsen. Und: In Deutschland leisten sich nur fünf Prozent der Krankenhäuser einen hauptamtlichen Hygieniker. Diesen Missstand bringt Mikrobiologie-Arzt Alexander Friedrich vom Universitätsklinikum Münster auf den Punkt. Ganz anders stellt sich die Situation in den Niederlanden dar: Dort ist in jedem Krankenhaus ein Mediziner für die Einhaltung von Hygienevorschriften zuständig.

Nach dem Tod der drei Babys im Klinikum Mainz wird der Ruf nach besserer Hygiene erneut laut. Bei dem ohnehin geplanten Sondergipfel der Gesundheitsminister von Bund und Ländern im Herbst soll auch der Mainzer Klinikskandal auf den Tisch. Vorab heißt es aus dem Haus von Niedersachsens Ressortchefin Aygül Özkan (CDU), zugleich Vorsitzende der Ministerkonferenz: Ein neues Gesetz werde nicht gebraucht. Geltende Regeln müssten nur konsequent umgesetzt werden.

H. Filz


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