Philosopie der Currywurst
„Gehse inne Stadt, wat macht dich da satt? Ne Currywurst.“ Kaum ein Konzert von Herbert Grönemeyer kommt ohne diese Textzeilen aus. Dabei ist Grönemeyer selbst nicht mal ein großer Currywurst-Fan, doch das Publikum liebt seinen Klassiker von 1982 immer noch heiß und innig. Kein Wunder, besingt doch der Musiker eines der liebsten Gerichte der Deutschen. Currywurst ist Heimat, 250 Gramm Fleisch gewordene Identität und etwas, auf das man sich freut, wenn man längere Zeit außer Landes war. „Ich brauch jetzt erstmal ne Currywurst“, ist ein beliebter Satz von Urlaubern, die sich wochenlang eher schlecht als recht mit exotischer Küche herumschlagen mussten. Während der Papst nach dem Flug den Boden küsst, sucht der Deutsche die nächstbeste Currywurst-Bude auf und weiß, dass er wieder zuhause ist.
Dabei herrscht in Deutschland Currywurst-technisch kein eitel Sonnenschein. Hamburger und Berliner streiten seit Jahrzehnten darum, wer die Wurst erfunden hat. Als Berliner stehen wir von vitafil natürlich auf der Seite der Hauptstadt. Außerdem brauchen die Hanseaten gar nicht so verbissen zu sein, immerhin ist das weltweit wohl beliebteste Fast-Food-Gericht nach ihrer Stadt benannt.
Was im Jahre 1949 am Imbissstand von Herta Heuwer in Berlin-Charlottenburg begann, ist eine enorme Erfolgsgeschichte. Laut Bild ist Currywurst das beliebteste Kantinenessen in Deutschland und das ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit. Fans der Currywurst befürchten seit langem, dass ihre Lieblingsspeise zwischen der überwiegend aus den USA importierten Fast-Food-Konkurrenz und Kritik von Gesundheitsaposteln zerrieben wird. Darüber hinaus muss die ‚Curry‘ sich permanent gegen die Konkurrenz aus Nürnberg, Frankfurt und Wien sowie regionale Exoten wie bayerische Weißwurst durchsetzen.
Woher kommt dann die Liebe zu Currywurst und Imbissbude? Wahrscheinlich ist es die besondere Atmosphäre, diese Mischung aus Frittierfett, Männerschweiß und ungezwungener Gemütlichkeit. Während Fast-Food-Restaurants immer mehr Wert auf Lifestyle und gesunde Ernährung legen, kann man sich in der Curry-Bude ungezwungen dem Genuss von Fleisch, Bier und deftigen Worten hingeben. Der Imbiss ist die authentische Alternative zum schicken Szene-Lokal. Einen Hamburger kann man auch mit Gemüse oder Tofu zubereiten. Eine Currywurst taugt nicht für solche Experimente. Die einzige Geschmacksfrage, die sich stellt, lautet „Mit oder ohne Darm?“. Ein Ende ihrer Beliebtheit scheint nicht in Sicht. Im Gegenteil: Im August vergangenen Jahres eröffnete in Berlin das Deutsche Currywurst-Museum. Und in diesen Tagen setzt Jon Flemming Olsen der Wurst ein literarisches Denkmal. In seinem Buch „Der Fritten-Humboldt“ beleuchtet er den Mikrokosmos Imbissbude. Dafür reiste er durch ganz Deutschland und besuchte einen Curry-Stand pro Bundesland. Was ihn dafür qualifiziert? Olsen spielt den Imbisswirt Ingo in der Fernsehserie „Dittsche – Das wirklich wahre Leben“. Die Eppendorfer Grillstation, in der „Dittsche“ spielt ist sogar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. Einziger Wermutstropfen: Sie befindet sich in Hamburg und nicht in Berlin.
Christian Zielke


