Deutschland mit höchster Diabetes-Rate in Europa

Weltweit sind derzeit rund 285 Millionen Menschen betroffen. In Deutschland sind 6,5 Millionen erkrankt: Das ist die höchste Diabetes-Rate in Europa. Wie konnte es dazu kommen? Wie leben die Kranken? Und wie kann ihnen geholfen werden?Jahr für Jahr will der Welt-Diabetes-Tag am 14. November Licht ins Fragen-Dickicht bringen. Diabetes mellitus ist damit die zweite Krankheit nach Aids, für die ein offizieller UN-Tag eingerichtet worden ist.

Die Uhr tickt. Zeit im Fluge. Verrinnt wie im Sturzflug. Zehn Sekunden.
Sekunde eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn. Im Verlauf dieser Zeilen, irgendwo auf der Welt, sind zwei Menschen an den Folgen ihrer Zuckerkrankheit gestorben. In zehn Sekunden, die ausreichen, um einmal tief Luft zu holen, sind zwei weitere Menschen neu erkrankt. Ihre Diagnose, die ihr restliches Leben umkrempeln wird, lautet, schlicht und in zwei dürren Worten: Diabetes mellitus. Krankhaft erhöhter Blutzucker. Er kann tückische Erkrankungen mit sich bringen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Erkrankungen von Herz, Kreislauf oder Augen. Möglicherweise Nierenversagen. Der Zucker greift Blutgefäße und Organe an. Und noch einmal spielen zehn Sekunden eine Rolle: Alle zehn Sekunden, irgendwo auf der Welt, wird einem Patienten ein Arm oder ein Bein amputiert.

Die Dunkelziffer von nicht erkannten Diabetikern, deren Bauchspeicheldrüse das lebenswichtige Insulin in nicht ausreichender Menge produziert, ist hoch. Symbolisch will der 14. November stets Licht auch ins Dunkel der Vorurteile gegenüber Kranken und ihrer Krankheit bringen. Der 19. Welt-Diabetes-Tag seit 1991 trug in diesem Jahr den Titel: Education and Prevention. Aufklärung und Vorbeugung. Erstmals wird ein Motto zum dauerhaften Schwerpunkt der Kampagne: Es wird für fünf Jahre, bis einschließlich 2013, gelten.

Damit ist klar: Veranstaltungen rund um den Globus ringen an diesem Tag um Aufmerksamkeit. Denn die Zuckerkrankheit ist auf dem Vormarsch. Als Störung des Stoffwechsel-Systems nimmt der Diabetes mellitus vor allem in Industrienationen zu. Vor diesem Hintergrund erinnert der offizielle Gedenktag der Vereinten Nationen an das Jahr 1922, als Sir Frederick Banting, der am 14. November seinen Geburtstag feierte, das Insulin erfand.
Heute, 87 Jahre später, sind vor allem Deutsche auf diese Medizin angewiesen: Die Bundesrepublik hat die höchste Diabetesrate in Europa. Die erschreckenden Zahlen der International Diabetes Federation (IDF): Zwölf Prozent der 20- bis 79-Jährigen leiden derzeit an Diabetes Typ 1 oder Typ 2. Zum Vergleich: In Frankreich, Italien oder Spanien zum Beispiel sind weniger als zehn Prozent erkrankt. Ein bundesdeutscher Negativrekord. Warum bloß?
Der Berliner Arzt Dr. Matthias Huth spricht von einer Zivilisationskrankheit – vor allem mit Blick auf den Typ 2. „Wir haben es vermehrt mit Bewegungsmangel und Übergewicht zu tun“, sagt der Mediziner im vitafil-Interview. „Vorsicht ist geboten, wenn der Blutzuckerspiegel hohen Schwankungen unterworfen ist. Das zeigt an, dass die Bauchspeicheldrüse weniger Insulin produziert. Und wenn die Leute dann nicht versuchen, dagegen zu arbeiten, besteht die Gefahr, dass man eines Tages Diabetes bekommt.“

Der 14. November. Weltweit geht es um Aufklärung und Vorbeugung, Jahr um Jahr. Viele Patienten, die bereits erkrankt sind, haben es in der Hand, ob und wann gefürchtete Folgeschäden auftreten. Selbst der Zeitpunkt, wann die Krankheit ausbricht, kann hinausgezögert werden. Oft werden erste Warnzeichen nicht ernst genommen, nicht erkannt, nicht fachmännisch behandelt – dann vergehen Jahre bis zur Diagnose. Die Folgen können dramatisch sein: Mangel an Insulin bedingt eine Überzuckerung, der zum diabetischen Koma bis hin zum Tod führen kann.
Welche Vorbeugung also ist wichtig? Vor allem Menschen, in deren Familien Diabetes bereits aufgetreten ist, sollten auf Ernährung, Gewicht  und genügend Bewegung durch Ausdauersport wie Joggen oder Radfahren achten. Dies wirkt sich positiv auf den Blutdruck aus – und den Blutzucker.
Liegt eine eindeutige Diagnose vor, muss die Ernährung umgestellt werden, sodass die Kalorienmenge auf Bedürfnisse des Kranken zugeschnitten wird. Hinzu kommt die Therapie mit Tabletten und Insulin. Und ein umfassendes Behandlungsprogramm ist nötig.

Geschätzt 6,5 Millionen Deutsche leiden an der Zuckerkrankheit, jährlich kommen 300.000 hinzu, die Diagnose „Diabetes Typ 1“ gilt für derzeit rund 350.000 Menschen: Kosten allein für deutsche Krankenkassen belaufen sich auf 20 Milliarden Euro pro Jahr. Vor diesem Hintergrund hat die KKH-Allianz das Gesundheitsprogramm „Zucker im Griff“ für Diabetiker des Typs 1 ins Leben gerufen. Jens Mecklenburg, Leistungsexperte der Krankenkasse mit Sitz Hannover, erklärt gegenüber vitafil das Spezialangebot: „Es sorgt dafür, dass eine optimale Betreuung des Versicherten erfolgt, damit sie sich nicht zu sehr einschränken müssen – und trotz der Krankheit weitgehend eine hohe Lebensqualität haben können.“ Das Konzept kämpft gegen immer noch verbreitete Unwissenheit über die eigene Krankheit – und für die optimale medizinische Einstellung. Denn: Durch eine „gute“ Blutzuckereinstellung sowie die Normalisierung eines erhöhten Blutdrucks, so die Krankenkasse, könne das Risiko allein für die diabetische Netzhauterkrankung um 76 Prozent reduziert werden.

Für Typ-2-Diabetiker hält die KKH-Allianz das Programm „Gut eingestellt“ bereit – damit das Risiko für lebensgefährliche Begleiterscheinungen wie Nierenerkrankungen und Bluthochdruck gesenkt wird. Das Konzept umfasst Schulungen und einen Telefonservice, zudem ist die Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Spezialisten fest eingeplant.
Diabetikern soll es an keiner Behandlungs- und Vorsorgemöglichkeit fehlen. Die KKH-Allianz versichert: Teilnehmer erhalten „alle medizinisch notwendigen und zur Vorbeugung von Begleit- und Folgeerkrankungen erforderlichen Behandlungen und Untersuchungen“.

Die Zeit nach dem 14. November. Aufklärung und Vorbeugung bleiben wichtig. Blutzucker-Tests bieten Hausärzte und Apotheken an. Eine Kontrolle kostet den Pieks in eine Fingerkuppe – und kaum Zeit. Nicht mehr als zehn Sekunden.

Hildegard Filz


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