Mit einem Beinbruch ins Krankenhaus, auf den OP-Tisch – und dann eine Blutvergiftung? Eine Amputation? Ein Aufenthalt in der Klinik kann durchaus krank machen. Lebensgefährliche Bakterien verbreiten sich dort, Keime lauern auf Bettkanten, auf Böden, in Bädern. Krank durchs Krankenhaus: Die Gefahr heißt MRSA. Vier Buchstaben stehen für einen hartnäckigen Bakterienstamm, der eitrige Entzündungen hervorrufen kann. Ein massives Problem für die Gesundheitspolitik.
Der Multi-Resistente-Staphylococcus-Aureus ist als Krankenhauskeim verrufen. Bei gesunden Menschen nämlich verursacht er keine Beschwerden. Bakterien der Art Staphylococcus aureus können als Bestandteil der Hautflora vorkommen, meist nistet der Keim in Nase oder Leiste. Riskant wird dies erst bei einem schwächelnden Immunsystem, dann, wenn der Keim in den Körper dringt – in eine offene Wunde, durch einen Katheter. Daher verursacht der weltweit verbreitete MRSA-Erreger die meisten Infektionen in Kliniken. In Deutschland infizieren sich jährlich 40.000 bis 50.000 Patienten mit dem aggressiven Wundkeim, die Infektion fordert 700 bis 1500 Todesopfer. Grund für diese ungenaue Zahl ist der Umstand, dass MRSA in Deutschland nicht auf Totenscheinen vermerkt wird. Zudem ist die Dunkelziffer hoch. Denn Krankenhäuser müssen MRSA-Infektionen nur in den schlimmsten Fällen offen legen – bei Blutvergiftungen und Sepsis. Doch kann der Erreger zudem Lungenentzündungen, Muskelkrankheiten, Hautgeschwüre und Harnwegsinfektionen auslösen.
Das Fatale: MRSA ist meist unempfindlich gegen Antibiotika. Ursprünglich stand die Vorsilbe „MR“ für Methicillin-resistent – benannt nach einem inzwischen nicht mehr verwendeten Antibiotikum, bei dem die Resistenz des Erregers in den sechziger Jahren zuerst festgestellt wurde. Unter MRSA werden nun jene Erregerstämme zusammengefasst, die gegen sämtliche, bislang auf dem Markt verfügbare Beta-Lactam-Antibiotika wie etwa Penicillin resistent sind. Meist sind diese Stämme auch multiresistent, also unempfindlich gegenüber anderen Antibiotika-Klassen.
Fatal ist zweitens: Ausgerechnet Krankenhäuser und ihre chirurgischen Intensivstationen sind bevorzugte Verbreitungsgebiete des Bakteriums. Der Grund: Gegen Antibiotika resistente Stämme dieses Keims kommen vermehrt an jenen Orten vor, die dauerhaft Antibiotika verwenden. Ein Problem für den Medizin-Journalisten Sven-David Müller. Im vitafil-Exklusivinterview sagt der Imedo-Mitarbeiter: „Diese Erreger kommen in sehr vielen Intensivstationen, aber auch Dialysestationen vor. Man findet dort Mikro-Organismen und Bakterien, die zu Krankheiten führen können, die man durch eine normale antibiotische Therapie nicht mehr zerstören kann. Man kriegt sie nicht mehr klein.“ Der Fachpublizist weiter: „Dann muss der Arzt auf Reserve-Antibiotika zurückgreifen, also neue Substanzen, sehr teure Substanzen, um die Krankheit überhaupt noch bekämpfen zu können.“
Indes hat sich die Zahl der unempfindlichen Stämme explosionsartig erhöht: 1990 waren nur zwei Prozent der in Kliniken gefundenen Aureus-Staphylokokken resistent, im Jahr 2001 waren es bereits 20 Prozent. Von „Antibiotika-Missbrauch“ spricht denn auch Axel Kramer, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin am Klinikum Greifswald. Kramers Kritik: Die gerade in Kliniken oft verordneten Mittel würden sensible Bakterien töten, während resistente Keime überleben und sich ungehindert vermehren. Und dies mit rasender Geschwindigkeit, da viele Menschen in Krankenhäusern auf engem Raum leben – und arbeiten. Denn nicht nur Patienten hinterlassen MRSA. Als Hauptüberträger gelten Ärzte und Pflegepersonal – das Team in Weiß, das nicht immer Zeit hat, sich vor jedem Kontakt Hände und Stethoskop zu desinfizieren.
Vor diesem Hintergrund und im Sinne einer gesteigerten Klinikhygiene fördert das Bundesgesundheitsministerium seit 2008 die bundesweite Aktion „Saubere Hände – keine Chance für Krankenhausinfektionen“. Ministerin Ulla Schmidt (SPD) verwies damals auf die nötige Unterstützung durch Krankenhausleitungen. Was genau gehört zu einem gewissenhaften Handeln? Was sind die Hygiene-Standards?
In den Niederlanden liegt die Quote der Neuansteckung bei unter 0,1 Prozent. Jeder Patient wird bei seiner Einweisung auf MRSA untersucht, damit der lebensbedrohliche Erreger nicht ins Krankenhaus eingeschleppt wird. Das Personal trägt Masken vor dem Gesicht, Haarschutz und Handschuhe. In Deutschland ist dies nicht die Regel. Eine Ausnahme stellt etwa das Uniklinikum Greifswald dar: Dort werden sämtliche Patienten der Intensivtherapie, Notaufnahme, Akutbehandlung bei Schlaganfällen, Onkologie, Hautklinik und Weaningstation (Beatmungsentwöhnung) einem MRSA-Schnelltest unterzogen, Risikopatienten aller anderen Klinikbereiche müssen zum Check, besonders gefährdete Intensiv-Patienten werden isoliert.
Desinfektion steht auch im Klinikum Worms oben auf der Agenda. Eine Hygiene-Fachkraft soll stets die Abläufe im Blick behalten. Die Einrichtung beteiligt sich an der „Säubere Hände“-Aktion, zudem hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt mit der Klinik ein Forschungsprojekt zur „nachhaltigen Desinfektion“ auf den Weg gebracht. Für dieses mit 190.000 Euro geförderte Projekt wird zunächst der Status quo erfasst, nach Auswertung der Daten in zwei Jahren soll das Resultat anderen Krankenhäusern zur Verfügung gestellt werden. Professor Dr. Karlheinz Beckh, Ärztlicher Direktor in Worms, verweist zudem auf Hygiene-Schulungen für sein Personal, unangemeldete Kontrollen der Maßnahmen sowie so genannte Abklatschversuche: Hier werden Proben von verschiedenen Oberflächen im ganzen Haus genommen. Ziel: Übertragungswege von Keimen sollen nachvollziehbar und Desinfektionsmittel optimal eingesetzt werden. Ein Hygieneplan jedoch ist nur für Risikogruppen vorgesehen, bei Verdacht würden Patienten isoliert. Und ein Positiv-Beispiel aus Nordrhein-Westfalen: Seit August gilt ein Check-up für Risikopatienten aller Abteilungen im Klinikum Lippe-Detmold.
Neue Klinik-Konzepte fordert Medizin-Journalist Müller im vitafil-Interview: „Es muss teilweise zu Umbauten kommen, es muss zu Veränderungen in der Klimatechnik kommen, zur Veränderung der Belüftung, und natürlich muss das Personal geschult werden.“
Mit Blick auf einen bereits erfolgten Nachweis von MRSA fordert die Kölner Uniklinik einen Maßnahmen-Katalog. In ihrem „Merkblatt MRSA“ zur „Krankenhaushygiene im Klinikum der Universität zu Köln“ heißt es unter anderem: „Sorgfältige Händehygiene: Händedesinfektion nach jedem Patientenkontakt und nach Ablegen von Handschuhen und Kittel!“ und: „Tragen einer OP-Gesichtsmaske“.
Fest steht: MRSA treibt Klinikmedizinern Sorgenfalten auf die Stirn. Axel Kramer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, fordert eine generelle und damit strengere Meldepflicht. Die Große Koalition hatte begonnen, eine Meldepflicht auch für Einzelfälle zu prüfen. Einen Entwurf hatte das Gesundheitsministerium für dieses Jahr angekündigt.
H. Filz










