Nur Einsicht hilft wirklich

 Eine Expertentagung ergab: Dicke belügen sich meist selbst

Der Kampf gegen das Hüftgold nimmt neue Formen an: Abspecken soll als freiwillige Massenbewegung stattfinden, schließlich ist fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung zu dick, und der überwiegende Teil der „Generation 50 plus“ gehört zur unglücklichen Gemeinde des „metabolischen Syndroms“. Eine Expertentagung zu eben jenem Thema in Baierbrunn brachte es an den Tag: Rund 50 Prozent der 50- bis 70-Jährigen vereinen die Risikofaktoren, deren Summe das Syndrom ergeben: Fettpolster an Bauch und Taille, Fettstoffwechselstörungen und/oder Bluthochdruck und Diabetes. Diese Kombination wiederum ist eine der Hauptursachen für gefährliche Herzerkrankungen.
Als sich vor Jahren die „New Economy“ eindrucksvoll in Szene setzte, gedachten auch Mediziner und Gesundheitspolitiker, sich der neuen digitalen Möglichkeiten wie Chatrooms oder Web-basierten Diätprogrammen zum Wohle der Volksgesundheit zu bedienen. Doch selbst diese modernsten aller medialen Mittel scheiterten. Langjährige Studien aus Australien bewiesen: Auch Internet und E-Mail waren machtlos gegen die, wie es der Dresdner Diabetes-Experte Markolf Hanefeld ausdrückte, „Pandemie mit psychosozialen Wurzeln“.
Also doch Medikamente, operative Eingriffe oder pure Willenskraft? Mitnichten. Die Wurzel des Speck-Übels liegt nämlich nach Ansicht von Klaus Bös, Sportwissenschaftler an der Uni Karlsruhe, in Erziehung und Bildung. Mit durchschnittlich elf Jahren, das ergab auch die „Momo-Studie“, eine bundesweite Untersuchung zur Kinderfitness, zügeln unsere Kinder ihren angeborenen Bewegungsdrang radikal. Statt dessen sitzen sie immer häufiger und immer länger vor dem PC. Schlimm nur, dass weder Schule noch Elternhaus helfen, die sportlichen Defizite zu überwinden.
Doch spätestens in diesem Stadium, so die einhellige Meinung der versammelten Expertenschaft, müssten Hinweise und psychologische Motivation erfolgen. Allerdings vermisste Julio Licinio, Endokrinologie-Professor an der Universität Miami und Hauptredner des Symposions, das notwendige alter ego unserer Mediziner, den Psychologen. Die klassische Motivationspsychologie, wie sie seit rund hundert Jahren klinisch angewandt wird, hat sich nach Ansicht Licinios und seiner Kollegen allerdings überlebt. „Die Dicken sind zum Abnehmen motiviert“, weiß auch Reinhard Fuchs, Sportpsychologe an der Uni Freiburg. „Was dagegen häufig fehlt, ist die Umsetzungskompetenz.“
Und die Einsicht: Bei Umfragen gaben zwei Drittel aller Übergewichtigen an, mit regelmäßigem Sport gegen die Fettpolster anzukämpfen, doch nur 13 Prozent von ihnen hielten einer Überprüfung wenigstens ansatzweise stand: Sie bewegten sich rund zwei Stunden wöchentlich „moderat“.
Es gilt, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden, und dabei kann – so das Fazit des Symposions – nur der Psychologe helfen. Fünf Sitzungen etwa, in denen dem Probanden klar gemacht wird, dass es um seine Gesundheit, manchmal sogar um sein Leben geht, gepaart mit konkreten Anleitungen zum Anti-Fett-Sport und vor allem organisiert in lokalen oder regionalen Gruppen, in denen sich die Mitglieder gegenseitig kontrollieren, würden noch am ehesten helfen.
Ein Problem haben Professor Licinio und Kollegen allerdings völlig vergessen: Die wenigsten Dicken sehen ihr Gewicht und ihren Lebensstil als Krankheit an – weshalb sie auch erst gar nicht zum Arzt gehen…
(Zusammenfassung eines FAZ-Artikels vom 15. 7. 2009)


Ähnliche Themen

  • Körperumfang bestimmt Krebsrisiko
    Die bisher größte Europäische Langzeitstudie über Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krebs ist wortwörtlich episch: nach der englischen Bezeichnung mit EPIC abgekürzt hat die Studie in den vergangenen 18 Jahren 521.000 Teilnehmer in zehn europäi...
  • Speiseplan gegen gefährliche Fette
    Pommes, Pudding, fettes Fleisch: Essen, bis der Arzt kommt. Die neue Gefahr heißt Oxycholesterin. Diese Cholesterin-Form stellt ein hohes Risiko für Herz und Gefäße dar, wie eine Studie der Chinese University of Hong Kong jetzt belegt. Ergebnis: D...
  • Warum gibt es den Jojo-Effekt?
    Dieser Frage will die Universität Erlangen-Nürnberg in Kooperation mit anderen Universitäten auf den Grund gehen. Zu diesem Zweck suchen die Wissenschaftler Personen, die ihr Gewicht nach erfolgreicher Diät mindestens ein Jahr gehalten haben. Dadu...
  • Übergewicht schafft dicke Kosten
    Krankheiten durch Übergewicht wie Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen und psychische Erkrankungen verursachen immer mehr Kosten, in den USA inzwischen 147 Milliarden EUR pro Jahr, berichtet das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.
  • Immer mehr zuckerkranke Kinder
    Deutsche Kinder werden immer dicker. Dicke Kinder leiden viel häufiger an Diabetes, denn Fettleibigkeit kann zu Diabetes führen, muss aber nicht.  Die Welt hat sich jetzt diesem Thema angenommen und die Risikogruppen aufgezählt und Gründe für das...
  • Höhentraining für jedermann
    Wie gesund das Bergwandern in einer Höhe von 100-2500 Metern ist, das berichtet Die Welt auf ihrer Wissenschaftsseite. Schon moderate Bewegung in den Bergen hat einen hohen Gesundheitseffekt, die Sauerstoffversorgung im Körper verbessert sich sig...
  • Wie komme ich gesund zur Arbeit?
    Ein gesunder Start ist in den Tag ist immer von Vorteil. Wenn man statt mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat man weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ergab eine neue Studie der Univer...
  • Ohne Mutter geht nichts
    Die Ärztezeitung berichtet, dass die Behandlung von fettleibigen Kindern nur erfolgreich sein kann, wenn sich die Familie  und dabei vor allem die Mütter daran beteiligen. Denn nur wenn sich der Lebensstil des Kindes radikal ändert, kann es erfolg...
  • Nicht größer, nur breiter
    2007 startete ein großes deutschlandweites Projekt: die deutsche Bevölkerung sollte vermessen werden. Mit den Ergebnissen sollten neue Körpermaßtabellen angefertigt werden. Endlich sollte Kleidung wieder passen. Endlich sollte Kleidung wieder für ...
  • Übergewicht reduziert Hirnmasse
    Der Spiegel berichtet über eine aufsehenerregende Studie aus den USA. Die Forscher haben an 94 Probanden über 70 Aufnahmen mit dem Kernspin-Tomografen gemacht und diese mit dem Gewicht der Probanden in Relation gesetzt. Ergebnis: Die fettleibigen ...
  • Gesundheit macht glücklich
    Die Gesundheit der Deutschen hat sich in den letzten 200 Jahren deutlich verbessert. Der von der Deutschen Post in Auftrag gegebene diesjährige „Glücksatlas“ stellt fest, dass der mit Abstand bedeutendste Faktor für die Lebenszufriedenheit die...
  • Magenbypass billiger als vergebliche Diäten
    Im Jahr 2008 gab es etwa 2.000 sogenannte "Adipositas-Operationen" in Deutschland. Unter diesem Oberbegriff werden Magenband- und Magenbypass-Operationen an ausgeprägt fettleibigen Patienten zusammengefasst. Nach Einschätzung von Gesundheitsökonom...
  • Fettleibigkeit verkürzt das Leben
    In einer neuen Studie der Oxford Universität an 900.000 Menschen weltweit konnten die Forscher die extreme Schädlichkeit von Fettleibigkeit aufzeigen. Die heutzutage weit verbreitete leichte Fettleibigkeit verkürzt das Leben um 3 Jahre, die nach ...
  • Bayerns Rettungskräfte rüsten auf gegen Übergewicht
    Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass die Bayrischen Rettungskräfte im kommenden Jahr 26 neue Spezialfahrzeuge - sogenannte Schwerlast-Retter - anschaffen, mit denen Menschen transportiert werden können, die für herkömmliche Krankenwagen zu schw...
  • Aus Unkraut kann ein leckeres Gourmet-Essen werden
    Das Frühjahr verwandelt Wald und Wiesen in essbare Landschaften. Wildgemüse steckt voller Überraschungen - als Geschmackerlebnis und Vitaminbombe, schreibt die Zeitschrift daheim in Deutschland. In der aktuellen Ausgabe widmet sich die Zeitschrift...

Tags:

Comments are closed.

Roboter für die Pflege

Arzneimittel aus dem Garten

Vitafil auf Facebook

Gesunde Ernährung

Video: Mehr Lebensqualität

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

Video: Ultraschall per Smartphone

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.