Er hielt den Druck in der Arbeitswelt nicht mehr aus und schottete sich von seiner Familie ab. Schließlich musste er mit der Diagnose leben: Burnout. Heute geht es Jens Geißler (47) gut. Der frühere Manager hilft Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe. Burnout – längst ein Gesellschaftsthema. Zwischen 2004 und 2010 hat sich die Zahl der durch Burnout bedingten Arbeitsunfähigkeitstage bei allen DAX-Unternehmen von acht auf 72 pro 1000 Beschäftigte fast verneunfacht.
Im vitafil-Interview berichtet Geißler über Stopp-Signale, eine 5-Minuten-Planung und seine Kraftquellen.
Herr Geißler, Wie geht es Ihnen heute?
Jens Geißler: Ich bin zufrieden. Ich lasse das Leben nicht mehr so an mir vorbeirauschen wie vor dem Burnout. Mir ist ein Ergebnis nicht mehr so wichtig wie der Prozess, also der Weg. Am wichtigsten ist doch, was man in der Zwischenzeit tut und erlebt. Ergebnisse kommen dann meist von alleine. So lebe ich heute.
Wodurch haben Sie dies begreifen gelernt?
Geißler: Im September 2009 hatte ich starke körperliche Ausfälle – mein erster Burnout. Über Ostern 2010 war ich für drei Monate in einer Klinik, schöpfte dort wieder Kraft. Ich habe gemerkt, dass ich alles viel zu offensiv angehe. Danach gab es eine ambulante Phase. Im Winter 2010/2011, bei Schnee und Eis im Wald, gab es dann einen besonderen Moment. Ich habe festgestellt, dass ich Probleme immer gleich löse. Ich dachte: So komme ich nicht vorwärts. Ich muss etwas grundlegend anders machen.
Wie hatte sich Ihr Burnout geäußert?
Geißler: Ich habe einige Jahre im Management gearbeitet, habe festgestellt, dass ich die Aufgaben nicht mehr zu meiner Zufriedenheit erledigen kann, auch nicht mehr zur Zufriedenheit anderer. Ich habe mich immer mehr verzettelt. Ich habe gemerkt, dass ich mich kaum noch entscheiden kann, dass ich mich immer mehr zurückziehe. Als ich 25 Jahre in der Firma war, nahm ich einen längeren Urlaub. Da merkte ich, dass ich mich nicht mehr erhole und entspanne. Zurück bei der Arbeit, hatte ich 450 E-Mails und drei Dienstreisen in der Woche. Während einer Reise merkte ich: Ich bekomme einen dicken Kopf. Zu Freitag habe ich alle Termine abgesagt. Meine Migräne wurde so schlimm, dass ich anderthalb Monate nicht mehr aus dem Haus gekommen bin. Meine Augen schmerzten, ich konnte nicht lesen, ich konnte nicht fernsehen. Ich habe mich nicht gerührt, konnte nur zum Arzt, der mir das fast auf die Nase zugesagt hatte. Ich dachte nur: Nein, das kann es nicht sein. Du hast irgendwas im Kopf, das muss ein Tumor sein oder ein Aneurysma.
Haben Sie die Diagnose „Burnout“ nie für möglich gehalten?
Geißler: Ich habe genauso wenig daran geglaubt, als wenn ich ein Pieksen in der Brust gehabt und mir jemand gesagt hätte: Sie hatten einen Herzinfarkt. Ich habe das nicht geglaubt, weil ich bis dahin alle Probleme lösen konnte – mit ´ner Tablette, mit Physiotherapie. Ich dachte: Das kann nicht psychosomatisch sein. Nicht so. Du kennst Dich. Nein. Viele CT-Aufnahmen später dachte ich: Da könnte was dran sein.
Wie lange hat es bis zur Erkenntnis gedauert?
Geißler: Um das anzuerkennen, braucht es eine gewisse Verdauungsphase. Das hat bei mir ein halbes Jahr, relativ kurz, gedauert.
Haben Sie in dieser Verdauungsphase ärztliche Hilfe gesucht?
Geißler: Mein Hausarzt hat mich erst einmal krankgeschrieben. Er hat versucht, mich zu beruhigen. Ich habe mir einen Therapeuten für eine Psychoanalyse gesucht. Das Ganze liegt tief. Das dauert, bis man da auf den Grund kommt. Ich glaube generell: Ein Betroffener spürt es, aber er weiß es nicht.
Suchten Sie Hilfe bei Ihrer Familie?
Geißler: Schon vor meinem starken Ausfall im September 2009 hatte ich mich von Freunden distanziert. Bei Familienfeiern habe ich nichts mehr gespürt. Ich hatte eine Maske auf. Ich war isoliert.
Keinen Kontakt zur nächsten Umgebung?
Geißler: Ich hab’s vermieden. Kennen Sie das: Jemand ruft Sie an und sagt ein Date ab – und Sie freuen sich, weil Sie nun mehr Zeit für sich haben? Mit der Zeit wird das immer stärker. Wenn Sie dann nicht mehr die Balance suchen, wenn Sie nur noch alleine sein wollen, ist das kritisch. Meine Beziehung habe ich sehr belastet. Meine Familie stand mir zwar zur Seite, doch konnte ich Ihnen nicht sagen, was ich brauche.
Zu wissen was Sie brauchen – wie haben Sie das geschafft?
Geißler: Ich plane mein Leben nicht weiter, als ich gucken kann. Da ist eine 5-Minuten-Planung entstanden. Wenn es mir schlecht geht, denke ich darüber nach, was ich in den nächsten fünf Minuten möchte. Will ich jemanden sehen, will ich lieber alleine sein? Ich habe also angefangen, mein Leben nur noch schrittweise zu planen. Da sind mir viele Überraschungen über den Weg gelaufen.
Welche?
Geißler: Menschen, darunter viele ähnlich betroffene Menschen, haben mir ebenso gut geholfen wie Ärzte und Therapeuten.
Gleichgesinnte auch in der Selbsthilfegruppe? Wie helfen Sie hier?
Geißler: Die Selbsthilfegruppe habe ich nach meinem Klinikaufenthalt im Mai gegründet, nachdem ich merkte, dass Gespräche mit anderen Betroffenen effektiver waren als Gespräche mit oft gestressten Ärzten. Diese Gleichgesinnten – auch wenn sie sagen, dass sie nicht mehr viel können – , sind nach wie vor emphatisch. In der Runde stellen wir Fragen, zum Beispiel: Ich habe Probleme mit meinem Arbeitgeber, ich werde gemobbt. Wie würdet Ihr damit umgehen? Die Stärke einer Gruppe ist, dass verschiedene Meinungen zusammenkommen. Anders als beim Therapeuten, der versucht, aus Ihnen Ideen herauszubekommen. Keiner sagt: Du musst dies und das machen. Sondern: Du könntest.
Überwendet derjenige, der zu Ihnen kommt, eine Schamgrenze?
Geißler: Im Gegenteil. Ich hatte, gerade in der Anfangszeit, viel Kontakt zu Ärzten. Obwohl ich sie nicht kannte, musste ich mich ihnen gegenüber öffnen und intime Dinge erzählen. Diesen Seelenstriptease empfand ich als unangenehm, auch wenn die Ärzte professionell waren. In der Selbsthilfegruppe müssen sie nicht reden, das kommt von allein. Da gibt es keinen Zwang, das ist viel sensibler. So lernt man sich über die Monate gut kennen.
Wie alt sind die Betroffenen – nach Ihrer Erfahrung in der Gruppe?
Geißler: Wir hatten schon Mitglieder, die unter 30 waren. Die meisten Burnout-Opfer sind zwischen 40 und Mitte 50 Jahre.
Was wirkt hier zusammen, damit man von einem „Burnout-Opfer“ spricht?
Geißler: Burnout ist nichts, was von heute auf morgen kommt. Das Krankheitsbild sitzt länger in der Psyche. Es ist eine andauernde Überforderung. Wenn sie anhält und keine Erholung mehr stattfindet, dann steigt die Gefahr, dass man Symptome übergeht und es zu einer psychischen und körperlichen Überlastung kommt. Das dauert. Bis nach Jahren das Gefühl kommt: Ich kriege das nicht mehr in den Griff. Dazu die starke Fremdbestimmung: Ich selbst kann nichts mehr tun. Ich bin handlungsunfähig, ich bin ohnmächtig.
Sie sprechen von „Opfer“. Wer trägt die Schuld?
Geißler: Es gibt unterschiedliche Beteiligte, die ihren Anteil erkennen sollten.
Wie war es bei Ihnen? Der Begriff „Burnout“ meint ausgebrannt. Wofür haben Sie gebrannt?
Geißler: Mein persönlicher Anteil ist, dass ich mir schnell zu viel aufgehalst und keine Stopp-Signale gesetzt habe. Ich habe nur die Aufgabe gesehen und habe zu wenig auf Kraftquellen wie Natur und Bewegung gesetzt, die mir einen Ausgleich verschafft hätten.
Stattdessen haben Sie auf Ihren Beruf gesetzt?!
Geißler: Ja, wie viele andere auch. Firmen und Chefs fühlen sich heute sehr unter Erfolgsdruck und geben das nach unten weiter. Sind selbst so überlastet, dass sie nicht mehr auf ihre Untergebenen achten. Wer etwas gut kann, kriegt noch mehr drauf. Das ist gefährlich. Das ist das Management gefragt: Wie kann man diesen Kollegen ausreichend Entlastung geben?
Wie ist Ihre Firma mit dem Burnout umgegangen?
Geißler: Meine Erkrankung ging über zwei Phasen. Als ich im Management war, kam es im September 2009 zum Ausfall. Ich war fast ein Jahr krankgeschrieben. Über eine Wiedereingliederungsphase kam ich Stück für Stück zurück. Doch kam ich gleich wieder in die Reiserei rein. Nach einem Jahr ist es ein zweites Mal passiert. Die gleiche Symptomatik. Doch konnte ich ein bisschen früher auf die Bremse treten. Die Firma hat mir viele Möglichkeiten gegeben. Aber es hat nicht gereicht. Der Druck war zu groß. Vielleicht ist es mir nicht gelungen, mich genügend abzugrenzen. Aber in der Arbeitswelt ist es auch härter geworden.
Was sollte ein Unternehmen bei diesen Krankheitsfällen leisten?
Geißler: Es geht um individuelle Lösungen. Ein betroffener Arbeitnehmer könnte zum Beispiel die Möglichkeit bekommen, ein sabbatical zu nehmen oder auf halbe Arbeitszeit zu gehen.
Was raten Sie den Betroffenen selbst?
Geißler: Such‘ Dir die besten Ärzte. Nimm ihren Rat sehr ernst. Und das Dritte: Versuche, über Dich, Dein Wesen, Deine Krankheit so viel wie möglich herauszufinden. Diese Suche kann eine Selbsthilfegruppe unterstützen. Es gibt auch die Möglichkeit, in eine Klinik zu gehen, eine Therapie oder eine Reha zu machen oder Medikamente zu nehmen. Doch kein Medikament wird helfen, wenn der Mensch mit seiner Psyche keine Veränderung mitmacht.
Wie hilft Ihnen selbst diese Gruppe?
Geißler: Sie hilft mir bei konkreten Fragen und Krisen. Es gibt dort gute Gesprächspartner. Auch ich kann anderen helfen. Das tut auch meinem Ego gut, wenn ich hier Bestärkung erfahre.
Was ist von diesem Ego von damals noch da? Wollen Sie zum Teil noch der Alte sein?
Geißler: Viele Dinge, die ich früher konnte, kann ich nicht mehr. Etwa viele Dinge gleichzeitig zu leisten, immer parat zu stehen. Ich halte keinen Druck mehr aus. Ich weiche ihm aus.
Und wenn Sie ihn spüren?
Geißler: Heute bin ich ehrlich und sage, wie es ist. Ich sage, dass ich mich unter Druck gesetzt fühle, dass ich das nicht möchte und eine Pause brauche. Manchmal muss ich mir einen gewissen Druck antun, um zu sehen, dass ich das ein Stück weit aushalte. Um mich daran aufzubauen.
Was ist Ihre Grenze?
Geißler: Ein körperliches Unbehagen werde ich nicht mehr übergehen. Und ich sorge für ausreichend Pausen.
Gibt es eine Stärke, die Sie durch die Erkrankung gewonnen haben?
Geißler: Durch Krisen kann man sich besser kennen lernen. Jetzt weiß ich, was geht und was nicht und kann mich auf meine Stärken berufen.
Was sind Ihre Stärken?
Geißler: Ich kann gut mit Menschen umgehen. Das tut mir jetzt wieder gut. Ich nehme mir gerne viel Zeit. Und ich denke, dass ich ein kreativer und erfinderischer Mensch bin. Das habe ich in den ersten 20 Jahren meines Jobs genutzt.
Wie wollen Sie das heute nutzen, was sind Ihre Pläne?
Geißler: Ich möchte weiter in der Selbsthilfe wirken. Ich hoffe, dass ich die Selbsthilfe in Berlin, zu den Themen Burnout und Depression, vorwärts bringen kann. Könnte sein, dass ich in der Fortbildung tätig werde. Aber nicht mehr unter dem Druck, wirtschaftlich etwas erreichen zu müssen, sondern im Gefühl, etwas aus Menschen herauszubekommen, was ihnen hilft.
Wie sieht Ihr Tages-Rhythmus heute aus?
Geißler: Ich stehe auf, wenn ich aufwache – meistens zwischen 5 und 7 Uhr. Ich habe angefangen, ein Buch zu schreiben. Ich langweile mich nicht, ich sehe wesentlich weniger fern als früher. Bewegung, Sportlichkeit, Kontakte mit Menschen – auch Menschen, mit denen ich mal zusammengearbeitet habe.
Hat dieses Leben auch Vorteile, die Sie durch das Leiden an Burnout gewonnen haben?
Geißler: Es hat dazu geführt, dass ich Dinge so in Angriff genommen habe, wie ich es sonst nicht geschafft hätte. Mich von meiner Firma zu lösen. Mich Dinge zu trauen – jemanden anzusprechen zum Beispiel. So, wie es ist, ist es gut. Ich bin zufrieden. Ich fühle mich heute wohler als vor einem Jahr. Und heute weiß ich: Burnout ist ein Thema, das man vermeiden und durch das man viel lernen kann.
Interview: Hildegard Filz










